www.alma-webkatalog.com

Geschichten aus dem alten Delrath

Das ist noch einmal gut gegangen.

Es war noch im Zeitalter der Dampflokomotiven, als an einem Sonntagnachmittag im Hochsommer, als es drückend heiß war, folgendes geschah:

Die Straßen waren leer. Auf einmal ertönte aus der Ferne ein schriller dauerhafter Dampflokpfiff. Zu der Zeit damals stand noch das große Stellwerk am Bahnübergang. Ein Güterzug mit einer Dampflok vorne dran näherte sich dem Bahnübergang. Die Schranken waren noch nicht herunter gelassen.

Oben im Stellwerk sah man den Stellwerkswächter rennen. Der laute Dampflokpfiff hatte ihm einen Schreck versetzt. Der Zug war schon auf der Höhe des Bahnübergangs und fuhr mit voller Fahrt über die Straße. Die Schranken waren noch oben. Der Stellwerkswächter drehte die Schranken so schnell er konnte herunter. Als die Schranken unten waren, lief ihm der Schweiß von der Stirn.

Aufgrund der großen Hitze, und weil es Sonntag war, war die Straße leer, so daß nichts passierte. Das ist noch einmal gut gegangen.

Träumen beim Schützenumzug.

Es war einmal ein Schütze, der ein persönliches Schützenjubiläum hatte. Selbstverständlich hat er das gebührend zu feiern gewußt. Dabei übermannten ihn Müdigkeit und Ermattung am Montag nach der Parade an der Zinkhütte. Er war mithin nicht mehr fähig den Rückmarsch anzutreten.

Ein Autofahrer, der vorbeifuhr war gnädig und mit Hilfe von anderen wurde der Schütze in den offenen Kofferraum gelegt. Dort schlief der Schütze den Schlaf des Gerechten und träumte vor sich hin. So wurde der Rückweg mit seinen Kameraden im Auto angetreten.

Bei den Jägern hatten die "Hönesse" dies auch bemerkt, daß da ein Schütze im Gepäckraum transportiert wurde und schlief. Sie legten einige Blumenhörner um den Schützen, so daß das Ganze wie ein Begräbnis aussah. Zusätzlich legte man ihm noch eine Samenknolle in den Arm. Die Schützen machten sich darüber lustig mit Spott, Klamauk und Trauerliedern. So zog man durchs Dorf zur Belustigung aller.

Flieg, Maikäfer flieg!

Es waren zwei Schüler, die beschlossen dem Ortspfarrer einen Streich zu spielen. Es war im schönen Monat Mai. Das Wetter war schön und die Sonne schien warm. Die Bäume blühten und die Maikäfer flogen herum. Gerade das hatte es den beiden Schülern angetan. 

Einer sammelte eine Zigarrenkiste voller Maikäfer. Dann gingen beide abends in die Maiandacht. Mitten in der Maiandacht öffnete der eine Schüler die Zigarrenkiste und ließ die Maikäfer fliegen. Ein ganzer Schwarm von Maikäfern flog durch die Kirche. Das war eine Gaudi und beide Schüler lachten laut und schallend.

Nach der Maiandacht forderte der Pfarrer die beiden zum Bleiben auf. Der eine bekam eine Ohrfeige, weil er die Maikäfer hat fliegen lassen. Der andere bekam eine Ohrfeige, weil er laut und schallend gelacht hatte. Und immer, wenn die beiden sich später diese Geschichte in Erinnerung riefen, mußten sie darüber lachen.

Warum hören die nur auf zu spielen?

Früher war der Fußballplatz hinter dem Kavittenberg (etwa in der Höhe von Dyckerhoff & Widmann), wo der Ginster im Frühjahr gelb blühte, auf der Delrather Heide. Er war bei weitem nicht so komfortabel ausgebaut wie heute.

Eines Tages war wieder ein Fußballspiel angesagt. Die Mannschaften und die Zuschauer strömten zum Fußballplatz. Unter anderem auch ein junger Delrather. Der hatte ein Spielzeug dabei: Eine Pfeife, die noch große Auswirkungen zeigen sollte.

Während das Spiel begann und seinen Fortgang nahm, wurde dem jungen Delrather langweilig und er holte seine Pfeife heraus. Er fing darauf an zu pfeifen. Plötzlich hörten zweiundzwanzig Fußballspieler auf zu spielen. Der Schiedsrichter hatte doch gar nicht gepfiffen. Warum hören die nur auf zu spielen?

Plötzlich kam einer der Fußballspieler darauf, daß der junge Delrather gepfiffen hatte. Er eilte zu ihm hin und verlangte die Pfeife. Eingeschüchtert gab der junge Delrather ihm die Pfeife. "Wenn Du das noch einmal machst, darfst Du nicht mehr zum Fußballspiel kommen", entgegnete der Fußballer. Die Pfeife gab man ihm am nächsten Tag wieder. Das soll einer verstehen.

Der Umsatz muß es bringen!

In Delrath gab es einen Kaufmann, der eine Mischung aus Bar, Kiosk und Imbiß betrieb. Er verkaufte auch unter anderem Gurken. Deshalb wurde sein Etablissement im Volksmund auch Gurkenbar genannt.

Er hatte auch sein eigenes Geld, kleine, beschriftete, runde Pappscheiben, die man für Geld erwerben konnte und dafür Waren erhielt. Warum er das machte, weiß bis heute keiner. Er hatte die Eigenart alles unter Einkaufspreis zu verkaufen. Sein Motto war: "Der Umsatz muß es bringen."

Das Geschäft bestand nicht lange. Schade! Man konnte sich dort immer gemütlich hinsetzen .

Winterzeit in Delrath.

Winterzeit, Kinderzeit. Ort des Geschehens war Hilgers Berg. Der lag ungefähr hinter der Albert-Schweitzer-Straße an der Wilhelm-Zaun-Straße, wo das Gelände zum Montessori-Kindergarten abfällt, noch vor "Kallens Kisskull" (heute Altenpark).

Wenn im Winter Schnee gefallen war, versammelten sich dort die Kinder und Jugendlichen des Dorfes zum Schlittenfahren. Dann wurde gerodelt bis die Kufen glühten. So konnte man den ganzen Nachmittag verbringen, bis die Dämmerung hereinbrach.

Manche hatten keinen Schlitten und durften bei den anderen mitfahren. Da saßen dann auch manchmal drei Kinder auf einem Schlitten. Ein Junge fiel dabei immer auf, weil er immer vorne auf dem Schlitten saß. Er war der Käpt´n. Diesen Spitznamen erhielt er dann auch und trägt ihn noch bis heute.

 

Dorfplatz im Winterkleid. (Fotograph: Achim Wyrwich)

Herr Pastor, jetzt haben Sie aber zum Drittenmal gelogen.

Es war eines sonntags, als der Pastor die heilige Messe las. So predigte er auch von der Kanzel herunter. Was er genau sagte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Er predigte dies und predigte das. So predigte er auch über die Wahrheit und die Lüge.

Dabei sagte er auch, daß er im ganzen Leben nur zweimal gelogen hat. Alle Kirchenbesucher schmunzelten. Ich dachte im Stillen: "Herr Pastor, jetzt haben sie aber zum Drittenmal gelogen. Das kostet drei Vater unser extra."

Mit 120 Sachen durch das Dorf.

Wir waren noch Jugendliche und keiner von uns hatte ein Auto. Einer von den älteren Jungen war schon berufstätig und hatte auch seine Lehre beendet. Er hatte sich ein Auto gekauft, wahrscheinlich gebraucht und war mächtig stolz darauf.

So nahm er uns hin und wieder mit. Aber an dem Tag muß ihn der Teufel geritten haben. Wir stiegen mit zwei oder drei Mann am Kriegerdenkmal ein. Die genaue Zahl weiß ich nicht mehr. Und los ging es. In Höhe der Gaststätte Lindenhof (Linnartz) macht die Rheinstraße (heute Johannesstraße) einen kleinen Schlenker.

Dort hatten wir eine Geschwindigkeit von 120 km je Stunde. Nur fliegen war schöner. Man konnte auch sagen: Ready for take off. In der Fliegersprache heißt das: Fertig zum Abheben. Wir waren alle im Geschwindigkeitsrausch. So was hatten wir noch nie erlebt. Wir waren voller Freude. Zum Glück ist nichts passiert. Unser Fahrer sagte später, wenn er nicht geheiratet hätte, dann wäre er im Knast (Gefängnis) gelandet.

He´schlei´

Das Wort He´schlei kennt kaum noch jemand. Es wird von dem Wort herschleichen abgeleitet. Es hängt noch mit Napoleon zusammen. Nicht das Napoleon durch Delrath geschlichen wäre, sondern es stammt aus dieser Zeit.

Bezeichnet wird damit im Volksmund ein kleines Flurstück, genauer gesagt einen kleinen Abhang hinter dem Gelände von Aldi. Dort führt der Weg zur Autobahnraststätte Delrath Ost vorbei. Der Abhang ist mit Gebüsch und Eichenbäumen bewachsen. Dort nisteten früher viele Greifvögel, Bussarde usw.

He´schlei´ in der Nähe der Autobahnraststätte Delrath Ost. Hier haben früher viele Greifvögel gebrütet.

Hinweis, daß die He´schlei´ Landschaftsbestandteil ist.

Als Delrath noch zwei Kinos hatte.

Delrath hatte einmal ein Wanderkino. Ein Mann zog mit seinen Kinoapparaten von Dorf zu Dorf und hielt dort Kinoveranstaltungen ab. So auch in Delrath. Die Kinoveranstaltung fand sonntagsnachmittags im Saal der "Gaststätte zum Ännchen" statt.

Da geschah es eines Tages das im Saal der Gaststätte Köhler (heute "Zur Schranke") ein Kino eröffnet wurde. Sehr schön mit großer Leinwand und gepolsterten Stühlen. Der Inhaber arbeitete noch bei der Bausparkasse Wüstenrot. So bekam er von uns den Spitznamen "Wüstenrot".

Einmal gab es einen Spielfilm mit einem Höhepunkt. Es war ein Märchenfilm. Als Höhepunkt erschien im Kino ein Schauspieler, der in dem Film mitspielte. Ich glaube er war mit der Familie Küpper verwandt. Genau weiß ich das aber nicht mehr. Jedenfalls war es ein Gefühl wie Hollywood in Delrath.

Für das Wanderkino war das neue Kino eine zu starke Konkurrenz, und es schloß bald nach der Eröffnung des neuen Kinos. Für uns Jugendliche war es ein großes Vergnügen.
 

Mit dem Austriaexpress nach Delrath

Einmal wollte ich mit dem letzten Zug um 24.00 Uhr von Neuss nach Hause fahren. Das Dumme daran war, daß der Zug ausfiel. Das wurde auch durch den Bahnsteiglautsprecher angesagt und die Reisenden aufgefordert sich beim Fahrdienstleiter auf dem Bahnsteig zu melden. Ich war der einizige Reisende. Ich hätte jetzt eigentlich bis zum nächsten Morgen auf den nächsten Zug warten müssen. Da war aber noch der Austriaexpress (Schnellzug) der noch kam.

So entschied der Fahrdienstleiter, daß ich im Austriaexpreß mitfahren könnte und dieser ausnahmsweise außerplanmäßig im Bahnhof Delrath halten würde. Gesagt, getan. Ich konnte mit dem Austriaexpreß mitfahren. Der kleine Bahnhof Delrath war aber für den Zug zu klein, so daß ich einen Wagen vorgehen mußte, um auszusteigen. Das waren noch Zeiten. Das war echter Service. Fehlte nur noch das mir der rote Teppich ausgerollt würde.

Sümmern und warst Du singen.

Sümmern.

Als Kinder war es üblich, daß wir uns beim Bauern etwas Geld verdienten. Das geschah durch Rübeneinzeln und bei der Kartoffelernte. Das Rübeneinzeln gibt es heute nicht mehr, weil es durch neue Züchtungen überflüssig geworden ist. Zur Pause gab es von der Bäuerin Kaffee und "Dubbelte" (Belegte Brote (Weckbrote, zwei Scheiben).

Wenn dann der Kartoffelacker abgeerntet war, dann lagen noch versteckt Kartoffel im Acker, die wir für uns einsammeln durften. Das nannte man sümmern.

Warst Du singen?

Nach dem zweiten Weltkrieg waren die Leute arm und hatten keine Arbeit. Da gingen einige in die Hinterhöfe und sangen. Dann gingen die Fenster auf und die Leute warfen dem Sänger etwas Kleingeld hinunter. Daher kommt der Ausdruck: Warst Du singen?, wenn jemand im Geschäft mit viel Kleingeld bezahlt.


powered by Beepworld